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Grundlagen

Physiologie der Atmung: Wie dein Atem funktioniert

Von Andreas Jansen · 4. August 2026 · 10 Min.

Frau mit einer Hand auf der Brust und einer Hand auf dem Bauch, sie spürt bewusst ihre eigene Atembewegung
Foto: Ketut Subiyanto / Pexels

Du sitzt im Wartezimmer, das Handy liegt für einen Moment weg, und dir fällt zum ersten Mal seit Stunden auf, wie gleichmäßig sich dein Brustkorb hebt und senkt. Niemand hat dir die Physiologie der Atmung je erklärt, trotzdem läuft sie seit deinem allerersten Atemzug im Hintergrund, ohne dass du je bewusst darüber nachdenken musstest.

Mir ging es lange ähnlich: Ich habe jahrelang Atemübungen gemacht, ohne mir wirklich anzuschauen, was dabei in meinem Körper eigentlich passiert. Erst als ich verstanden habe, warum eine tiefere Bauchatmung überhaupt etwas bewirkt, kamen mir viele Techniken nicht mehr wie Zauberei vor, sondern wie einfache Mechanik, die man nachvollziehen kann.

Genau darum geht es in diesem Artikel: wie ein Muskel unter deiner Lunge und ein kleines Netzwerk in deinem Hirnstamm zusammen dafür sorgen, dass dein Atem funktioniert, und warum ausgerechnet Kohlendioxid darüber entscheidet, wann der nächste Atemzug fällig ist.

Kurz gesagt: Atmen ist ein automatischer Kreislauf aus Muskelarbeit, Gasaustausch und Nervensteuerung. Dein Zwerchfell und deine Zwischenrippenmuskeln erzeugen beim Einatmen einen Unterdruck, der Luft in deine Lunge zieht, dort wandert Sauerstoff ins Blut und Kohlendioxid wieder heraus. Gesteuert wird der Rhythmus von einem Nervennetzwerk in deinem Hirnstamm, das vor allem auf den CO2-Wert in deinem Blut reagiert, nicht in erster Linie auf den Sauerstoffgehalt.

4 Schritte in jedem einzelnen Atemzug

  1. Einatmen beginnt im Zwerchfell: Dein Zwerchfell zieht sich zusammen und senkt sich ab, gleichzeitig heben die äußeren Zwischenrippenmuskeln deinen Brustkorb an. Zusammen entsteht so ein Unterdruck, der Luft ganz von selbst in deine Lunge saugt.
  2. Gasaustausch in den Alveolen: In rund 300 Millionen winzigen Lungenbläschen wandert Sauerstoff aus der Atemluft ins Blut, während Kohlendioxid aus dem Blut in die Lunge übergeht. Die trennende Wand dazwischen ist nur etwa einen Mikrometer dünn.
  3. Dein Hirnstamm gibt den Takt vor: Ein kleines Nervennetzwerk erzeugt deinen Atemrhythmus automatisch und passt ihn laufend an, ganz ohne dass du bewusst daran denkst. Nur wenn du willst, kannst du kurz eingreifen und langsamer oder tiefer atmen.
  4. Ausatmen senkt den CO2-Wert: Beim Ausatmen gibst du das Kohlendioxid ab, das deine Zellen ständig produzieren. Genau dieser Wert in deinem Blut meldet deinem Gehirn, wann der nächste Atemzug fällig ist, nicht in erster Linie der Sauerstoffgehalt.
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So bewegen sich Zwerchfell und Rippen beim Atmen

Der wichtigste Atemmuskel liegt wie eine flache Kuppel direkt unter deiner Lunge: dein Zwerchfell. Beim Einatmen zieht es sich zusammen, flacht dadurch ab und wandert etwas nach unten, gleichzeitig heben die äußeren Zwischenrippenmuskeln, die Interkostalmuskeln zwischen deinen Rippen, den Brustkorb an und weiten ihn zur Seite. Beide Bewegungen zusammen vergrößern den Raum in deinem Brustkorb, dadurch entsteht ein Unterdruck, und Luft strömt von selbst nach, ganz ohne dass du aktiv saugen musst.

Beim Ausatmen entspannen sich Zwerchfell und Zwischenrippenmuskeln in Ruhe meist einfach wieder, die elastische Lunge zieht sich von allein zusammen und drückt die Luft heraus. Erst bei Anstrengung oder bewusst kräftigem Ausatmen kommen zusätzliche Bauch- und innere Zwischenrippenmuskeln als aktive Ausatemhelfer dazu. Ein aktueller Übersichtsartikel zur Mechanik der Atemmuskulatur beschreibt genau dieses Zusammenspiel aus Zwerchfell, Rippenmuskulatur und Hilfsmuskeln als fein abgestimmtes System, das sich automatisch an Ruhe, Sprechen oder Anstrengung anpasst (De Troyer & Boriek, 2011).

Deine Körperhaltung entscheidet dabei mit, wie leicht diese Bewegung fällt. Ein zusammengesackter Oberkörper am Schreibtisch schränkt den Bewegungsspielraum deines Zwerchfells spürbar ein, ein aufrechter Sitz mit entspannten Schultern gibt ihm dagegen mehr Platz zum Arbeiten. Das ist auch der Grund, warum die meisten Anleitungen zu Atemübungen zuerst mit der Sitzhaltung beginnen, bevor es überhaupt um den eigentlichen Atemrhythmus geht. Übernimmt die Zwischenrippenmuskulatur dauerhaft auch in Ruhephasen den größeren Teil der Arbeit, atmest du chronisch eher in die Brust statt in den Bauch, meist ein Zeichen, dass dein Sympathikus kaum noch herunterfährt.

Am eigenen Körper lässt sich dieser Unterschied gut nachfühlen, mit einer Hand auf dem Bauch und einer auf der Brust. Die folgende kurze Übung führt dich einmal durch beide Bewegungen, im gleichen Tempo wie in der 8Breath App.

Zwerchfell spüren: animierte Übung
Zwerchfell spüren: 4 Sek. einatmen · 2 Sek. halten · 6 Sek. ausatmen

4 Sekunden einatmen · 2 Sekunden halten und spüren · 6 Sekunden ausatmen

Leg dir dazu eine Hand auf den Bauch und eine auf die Brust. Atme im Rhythmus der Animation ein und achte in der kurzen Haltephase bewusst darauf, welche Hand sich mehr bewegt hat. Hebt sich vor allem die untere Hand, war das gerade vor allem dein Zwerchfell am Werk, bewegt sich eher die obere, waren es mehr deine Zwischenrippenmuskeln. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch, beide Muskelgruppen arbeiten bei den meisten Atemzügen ohnehin zusammen, nur das Verhältnis verschiebt sich.


Was beim Gasaustausch in deiner Lunge passiert

Die Luft, die dein Zwerchfell gerade angesaugt hat, verzweigt sich über die Luftröhre und immer feinere Bronchien bis zu rund 300 Millionen winzigen Lungenbläschen, den Alveolen. Jede von ihnen ist von einem dichten Netz feinster Blutgefäße umgeben, und ihre Wand ist nur etwa einen Mikrometer dünn, tausendmal dünner als ein Blatt Papier.

Weil frisch eingeatmete Luft mehr Sauerstoff enthält als das vorbeiströmende Blut, wandert Sauerstoff einfach per Diffusion durch diese hauchdünne Wand hindurch ins Blut. Kohlendioxid, das deine Zellen beim Stoffwechsel ständig produzieren, wandert im selben Moment in die Gegenrichtung, vom Blut in die Lunge, und wird mit dem nächsten Ausatemzug wieder nach draußen befördert. Beide Gase brauchen dafür keine Pumpe, allein der Konzentrationsunterschied reicht, damit sie von selbst durch die Wand der Alveolen wechseln.

Dieser Austausch läuft bei jedem einzelnen deiner zwölf- bis sechzehn Atemzüge pro Minute in Ruhe ab, ohne Pause und ohne dass du ihn steuern musst. Genau deshalb merkst du normalerweise nichts davon, bis du zum ersten Mal bewusst hinschaust, wie im Wartezimmer eingangs.

Frau spürt mit gekreuzten Händen bewusst die Bewegung von Brustkorb und Bauch beim Atmen im Freien
Foto: Ketut Subiyanto / Pexels

Wie dein Gehirn deine Atemfrequenz steuert

Dass du überhaupt nicht ans Atmen denken musst, verdankst du einem kleinen Nervennetzwerk tief in deinem Hirnstamm. Ein zentraler Baustein davon trägt den Namen Prä-Bötzinger-Komplex, benannt nach seiner Lage nahe einer Hirnstammstruktur namens Bötzinger-Komplex. Dieses Netzwerk erzeugt den Grundrhythmus deiner Atmung ganz von selbst, so wie ein Schrittmacher im Herzen den Herzschlag vorgibt, und leitet die Signale von dort direkt an dein Zwerchfell und deine Atemmuskulatur weiter (Smith et al., 1991).

Gemessen wird dabei laufend der Zustand deines Blutes: Chemorezeptoren im Hirnstamm registrieren den Kohlendioxid- und pH-Wert, weitere Sensoren in deinen Halsschlagadern den Sauerstoffgehalt. Diese Rückmeldungen bestimmen, wie schnell und wie tief dein nächster Atemzug ausfällt (Guyenet et al., 2010). Bewusst eingreifen kannst du trotzdem jederzeit, kurz die Luft anhalten, schneller atmen, tiefer atmen, das gehört zu den wenigen Körperfunktionen, die sowohl automatisch als auch willentlich laufen. Sobald du nicht mehr aktiv steuerst, übernimmt der Hirnstamm nahtlos wieder.

Wie weit diese willentliche Kontrolle reichen kann, zeigte ein vieldiskutiertes Experiment mit dem niederländischen Extremsportler Wim Hof: In wissenschaftlichen Untersuchungen ließ er sich absichtlich Bakteriengift injizieren und minderte die erwartete Immunreaktion mit gezielter Atemtechnik und Kälteexposition deutlich stärker ab, als es unwillkürlich für möglich gehalten wurde. Ein Beleg dafür, dass der bewusste Teil deiner Atemsteuerung tiefer in eigentlich automatische Körperprozesse eingreifen kann, als die meisten Menschen vermuten, wenn auch unter kontrollierten Studienbedingungen und mit trainierten Teilnehmenden.

Wie unabhängig dein Atemzentrum von deinem Bewusstsein arbeitet, zeigt sich am deutlichsten im Schlaf: Auch wenn du komplett weggetreten bist, sinkt deine Atemfrequenz zwar etwas ab, sie setzt aber nicht aus, das Nervennetzwerk in deinem Hirnstamm läuft unbeirrt weiter. Selbst unter Vollnarkose wird deine Atmung deshalb engmaschig überwacht, gerade weil dieses automatische System zwar bemerkenswert robust, aber eben nicht unverwundbar ist.


Warum Kohlendioxid der eigentliche Atemreiz ist, nicht Sauerstoffmangel

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass sie atmen, weil ihnen sonst der Sauerstoff ausgeht. Physiologisch stimmt das so nicht ganz: Dein wichtigster Atemantrieb ist der Kohlendioxidwert in deinem Blut, nicht der Sauerstoffgehalt. Kohlendioxid produzieren deine Zellen ununterbrochen selbst, schon kleine Anstiege registrieren die Chemorezeptoren in deinem Hirnstamm extrem empfindlich und lösen rasch einen stärkeren Atemantrieb aus. Der Sauerstoffgehalt in deinem Blut müsste dagegen erst sehr deutlich absinken, spürbar unter den normalen Ruhewert, bevor die Sensoren in deinen Halsschlagadern nennenswert gegensteuern (Guyenet et al., 2010).

Das erklärt einen Effekt, den viele aus Atemübungen kennen: Atmest du sehr tief oder sehr schnell, atmest du mehr Kohlendioxid ab, als deine Zellen gerade produzieren. Der CO2-Wert in deinem Blut sinkt zu schnell, deine Hirngefäße verengen sich kurz, und genau das fühlt sich als Schwindel oder Benommenheit an, nicht weil dir Sauerstoff fehlt, sondern weil du zu viel Kohlendioxid losgeworden bist. Woran du das im Alltag erkennst und was dann konkret hilft, steht ausführlich im Artikel Worauf du beim Atmen achten solltest.

Auf dieser Empfindlichkeit für CO2 baut auch der BOLT-Score aus der Buteyko-Methode auf, ein einfacher Selbsttest, wie lange du nach normaler Ausatmung ohne Atemreiz aushältst. Je später sich der erste Drang zum Atmen meldet, desto gelassener reagiert dein Körper offenbar auf ansteigende CO2-Werte, mehr dazu im Artikel zur Buteyko-Atmung.

Deine Atmung in Zahlen

  • Ruhe-Atemfrequenz: etwa 12 bis 16 Atemzüge pro Minute
  • Lungenbläschen: rund 300 Millionen Alveolen, Wanddicke etwa 1 Mikrometer
  • Haupt-Atemantrieb: der CO2-Wert im Blut, nicht der Sauerstoffgehalt
  • Verlängerte Ausatmung: aktiviert über den Vagusnerv stärker den Parasympathikus

Was diese Physiologie für deine Atemübungen bedeutet

Zu verstehen, wie Zwerchfell, Gasaustausch und Hirnstamm zusammenspielen, ist mehr als graue Theorie. Weißt du, dass eine verlängerte Ausatmung über den Vagusnerv deinen Parasympathikus aktiviert, ergibt es plötzlich Sinn, warum so viele Techniken genau dort ansetzen, von der einfachen Bauchatmung bis zur 5-5-Atmung im Artikel Richtig atmen. Und weißt du, dass Schwindel bei einer Übung fast immer am CO2-Wert liegt und nicht an zu wenig Sauerstoff, wird ein unangenehmes Gefühl während einer Atemübung gleich weniger beunruhigend.

Auch die individuelle Schwankung deiner sogenannten Resonanzfrequenz, meist irgendwo zwischen viereinhalb und sechseinhalb Atemzügen pro Minute, wird verständlicher, wenn du weißt, dass dabei dein Vagusnerv und dein Blutdruck-Regelkreis zusammenspielen. Es gibt keine exakte Zahl, die für jeden Menschen gleich gilt, nur einen Bereich, in dem sich langsames Atmen bei den meisten Menschen am ruhigsten anfühlt.

Genau darin sehe ich den eigentlichen Nutzen dieses Grundwissens: Es hilft dir schon vorher, eine Übung richtig einzuschätzen, statt erst hinterher zu rätseln, was gerade in deinem Körper passiert ist.


Wann du deine Atmung ärztlich abklären solltest

Die hier beschriebenen Abläufe laufen bei den allermeisten Menschen von selbst automatisch ab, ohne dass du eingreifen musst. Bei plötzlicher, starker oder sich schnell verschlechternder Atemnot, bläulichen Lippen, Schmerzen im Brustkorb oder Schwindel bis zur Ohnmacht gehört das trotzdem immer unter den Notruf 112. Auch eine dauerhaft sehr schnelle Atemfrequenz in Ruhe, neu aufgetretene Kurzatmigkeit ohne erkennbaren Auslöser oder auffällige Atemgeräusche solltest du ärztlich abklären lassen, bevor du selbst an Techniken herumprobierst. Dieser Artikel erklärt die normale Funktionsweise deiner Atmung, er ersetzt keine Untersuchung bei anhaltenden Beschwerden.

Der nächste ruhige Moment, ob im Wartezimmer, in der Bahn oder einfach am Schreibtisch, ist ein guter Anlass zum Ausprobieren: Leg eine Hand auf den Bauch, beobachte drei Atemzüge lang, was sich bewegt, und du merkst live, wie viel von dem, was du gerade gelesen hast, sich tatsächlich anfühlen lässt.

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Häufige Fragen

Warum atme ich eigentlich automatisch, ohne überhaupt daran zu denken?

Weil ein kleines Nervennetzwerk in deinem Hirnstamm, unter anderem der sogenannte Prä-Bötzinger-Komplex, deinen Atemrhythmus von Geburt an selbstständig erzeugt. Dieses Netzwerk feuert im Ruhetakt Signale an dein Zwerchfell und deine Atemmuskulatur, ganz ohne dass dein bewusstes Denken beteiligt ist. Du kannst jederzeit kurz eingreifen und schneller, langsamer oder tiefer atmen, sobald du aber nicht mehr bewusst steuerst, übernimmt der Hirnstamm ohne Verzögerung wieder automatisch.

Was ist der Unterschied zwischen Zwerchfellatmung und Brustatmung, rein physiologisch gesehen?

Bei der Zwerchfellatmung zieht sich der kuppelförmige Muskel unter deiner Lunge zusammen und senkt sich ab, dein Bauch wölbt sich dabei sichtbar nach außen. Bei der Brustatmung übernehmen stattdessen vor allem die äußeren Zwischenrippenmuskeln die Arbeit, sie heben deinen Brustkorb an, Schultern und obere Brust bewegen sich. Beide Bewegungen laufen bei den meisten Menschen ohnehin gemischt ab, nur das Verhältnis verschiebt sich je nach Situation. Eine ausführliche Anleitung, wie du beides an dir selbst unterscheiden lernst, findest du in den Artikeln zur Bauchatmung und zur Brustatmung.

Warum ist Kohlendioxid der eigentliche Atemreiz und nicht Sauerstoffmangel?

Weil dein Körper Kohlendioxid als Abfallprodukt seines Stoffwechsels pausenlos selbst produziert, während der Sauerstoffgehalt in deinem Blut normalerweise sehr stabil bleibt. Chemorezeptoren in deinem Hirnstamm reagieren extrem empfindlich schon auf kleine Anstiege des CO2-Werts und lösen rasch einen stärkeren Atemantrieb aus. Der Sauerstoffgehalt müsste dagegen erst sehr deutlich absinken, bevor eigene Sensoren in den Halsschlagadern nennenswert gegensteuern. Genau deshalb wird dir bei sehr tiefem, schnellem Atmen eher schwindelig, weil du zu viel Kohlendioxid abatmest, nicht weil dir Sauerstoff fehlt.

Wie oft atme ich eigentlich am Tag und pro Minute?

In Ruhe atmen die meisten Erwachsenen etwa zwölf- bis sechzehnmal pro Minute, das sind über den Tag verteilt gut 17.000 bis 23.000 Atemzüge. Unter Anstrengung oder Stress kann sich diese Zahl deutlich erhöhen, bei bewusst verlangsamter Atmung, etwa der 5-5-Atmung aus dem Artikel Richtig atmen, sinkt sie dagegen auf ungefähr sechs Atemzüge pro Minute. Diese Zahl schwankt individuell etwas, ein üblicher Bereich für die persönliche Resonanzfrequenz liegt zwischen viereinhalb und sechseinhalb Atemzügen.

Was passiert beim Gasaustausch in meiner Lunge ganz genau?

Die Luft, die du einatmest, verzweigt sich über die Bronchien bis zu rund 300 Millionen winzigen Lungenbläschen, den Alveolen. Deren Wand ist nur etwa einen Mikrometer dünn und von einem dichten Netz feinster Blutgefäße umgeben. Weil der Sauerstoffgehalt in der frisch eingeatmeten Luft höher ist als im vorbeiströmenden Blut, wandert Sauerstoff einfach per Diffusion durch diese hauchdünne Wand ins Blut, während Kohlendioxid genau umgekehrt vom Blut in die Lunge übergeht und mit der Ausatmung wieder nach draußen befördert wird.

Kann ich meine Atmung überhaupt bewusst beeinflussen, wenn sie doch automatisch gesteuert wird?

Ja, die Atmung ist eine der wenigen Körperfunktionen, die sowohl automatisch als auch willentlich laufen, Herzschlag oder Verdauung kannst du auf diese direkte Weise nicht steuern. Genau darauf bauen alle Atemübungen auf: Du nutzt das kurze Zeitfenster, in dem du bewusst eingreifen kannst, um über eine langsamere, tiefere Atmung indirekt auch deinen Parasympathikus zu aktivieren, den beruhigenden Gegenspieler deines Nervensystems. Sobald du nicht mehr aktiv steuerst, übernimmt der Hirnstamm nahtlos wieder die automatische Kontrolle.

Warum wird mir schwindelig, wenn ich sehr tief oder sehr schnell atme?

Weil du dabei mehr Kohlendioxid abatmest, als dein Körper gerade produziert. Sinkt der CO2-Wert in deinem Blut zu schnell, verengen sich kurzzeitig die Blutgefäße in deinem Gehirn, und genau das fühlt sich als Benommenheit oder Schwindel an. Das ist unangenehm, aber bei einer gesunden Person meist harmlos und verschwindet von selbst, wenn du aufhörst, deinen Atem zu steuern, und normal weiteratmest. Eine ausführliche Anleitung, was bei Schwindel während einer Atemübung konkret zu tun ist, findest du im Artikel Worauf du beim Atmen achten solltest.

Was hat der Vagusnerv mit meiner Atmung zu tun?

Der Vagusnerv ist die wichtigste Leitung zwischen deinem Gehirn und deinem Parasympathikus, dem Teil deines Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist. Beim Ausatmen wird er stärker aktiv als beim Einatmen, deshalb sinkt dein Puls beim Ausatmen leicht ab, ein Effekt, den Fachleute respiratorische Sinusarrhythmie nennen. Machst du deine Ausatmung bewusst etwas länger als die Einatmung, nutzt du genau diesen Mechanismus, um deinen Körper Richtung Ruhemodus zu schieben. Mehr zum Zusammenspiel der beiden Nervensystem-Äste findest du im Artikel Sympathikus und Parasympathikus.

Warum atmen manche Menschen chronisch in die Brust statt in den Bauch?

Häufig, weil ihr Sympathikus, der aktivierende Teil des Nervensystems, über einen langen Zeitraum kaum noch herunterfährt. Kurzfristig ist Brustatmung eine sinnvolle Anpassung bei Anstrengung oder akutem Stress, dein Körper braucht dann schnell mehr Luft. Bleibt sie aber auch in Ruhephasen bestehen, etwa dauerhaft am Schreibtisch, fehlt dir die tiefere, langsamere Zwerchfellatmung, die deinen Körper eigentlich beruhigen würde. Einen Selbsttest und die Schritte zurück zur Bauchatmung findest du im Artikel Brustatmung.

Wann sollte ich meine Atemfunktion ärztlich untersuchen lassen, statt es selbst einzuordnen?

Bei plötzlicher, starker oder sich schnell verschlechternder Atemnot, bläulichen Lippen, Schmerzen im Brustkorb oder Schwindel bis zur Ohnmacht gehört das immer unter den Notruf 112, unabhängig davon, wie deine Atmung sonst funktioniert. Auch eine dauerhaft sehr schnelle Atemfrequenz in Ruhe, eine neu aufgetretene Kurzatmigkeit ohne erkennbaren Auslöser oder auffällige Atemgeräusche solltest du ärztlich abklären lassen, bevor du selbst an Techniken herumprobierst. Dieser Artikel erklärt die normale Funktionsweise deiner Atmung, er ersetzt keine Untersuchung bei anhaltenden Beschwerden.

Andreas Jansen, Gründer von 8Breath
Über den AutorAndreas Jansen · Gründer von 8Breath

Hey, ich bin Andreas, Gründer von 8Breath. Ich schreibe auf diesem Blog Artikel über die richtige Atmung, unser Nervensystem und meine Erfahrungen mit Meditation und Stressabbau. Ich teile dabei Dinge, die mir selbst weitergeholfen haben, und hoffe, dass es dir auch weiterhilft. Mehr über mich erfährst du auf meiner persönlichen Webseite.

Wissenschaftliche Quellen

Smith, J. C., Ellenberger, H. H., Ballanyi, K., Richter, D. W. & Feldman, J. L. (1991): Pre-Bötzinger Complex: A Brainstem Region That May Generate Respiratory Rhythm in Mammals. Science, 254(5032), 726-729. doi.org/10.1126/science.1683005
Guyenet, P. G., Stornetta, R. L., Abbott, S. B., Depuy, S. D., Fortuna, M. G. & Kanbar, R. (2010): Central CO2 Chemoreception and Integrated Neural Mechanisms of Cardiovascular and Respiratory Control. Journal of Applied Physiology, 108(4), 995-1002. doi.org/10.1152/japplphysiol.00712.2009
De Troyer, A. & Boriek, A. M. (2011): Mechanics of the Respiratory Muscles. Comprehensive Physiology, 1(3), 1273-1300. doi.org/10.1002/cphy.c100009
Zaccaro, A., Piarulli, A., Laurino, M., Garbella, E., Menicucci, D., Neri, B. & Gemignani, A. (2018): How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12:353. doi.org/10.3389/fnhum.2018.00353