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Grundlagen

Brustatmung: Wann sie normal ist und wann nicht

Von Andreas Jansen · 4. August 2026 · 9 Min.

Athletischer Mann bleibt nach dem Laufen stehen und atmet mit vorgebeugtem Oberkörper schwer in die Brust
Foto: MART PRODUCTION / Pexels

Du sitzt seit über einer Stunde am Schreibtisch, mitten im dritten Video-Call des Tages, und erst beim tiefen Ausatmen danach fällt dir auf, wie hoch oben in der Brust dein Atem die ganze Zeit geblieben ist. Der Bauch hat sich kaum bewegt.

Genau dieses Muster ist beim Sport oder kurz vor einem wichtigen Gespräch völlig normal, dein Körper schaltet dabei bewusst einen Gang hoch. Zum Problem wird die Brustatmung erst, wenn sie zu deinem Standardzustand wird, auch dann noch, wenn eigentlich längst wieder Ruhe angesagt wäre.

Wann das harmlos ist und wann sich ein bewusster Gegencheck lohnt, zeigt der Selbsttest weiter unten, dazu die konkreten Schritte zurück in die Bauchatmung.

Kurz gesagt: Bei der Brustatmung heben sich vor allem Brustkorb und Schultern, angetrieben von der Zwischenrippenmuskulatur, statt dass sich dein Bauch durch die Bewegung des Zwerchfells hebt und senkt. Unter Anstrengung oder akutem Stress ist das eine sinnvolle, kurzfristige Anpassung deines Körpers. Bleibt sie aber dauerhaft in Ruhephasen bestehen, fehlt dir die tiefere, langsamere Atmung, die über den Vagusnerv deinen Parasympathikus aktiviert.

4 Schritte, um deine Brustatmung richtig einzuordnen

  1. Merken, wann es passiert: Achte einen Tag lang bewusst darauf, in welchen Momenten sich vor allem dein Brustkorb hebt, etwa beim Treppensteigen, in einem angespannten Gespräch oder einfach am Schreibtisch.
  2. Situation einordnen: Frag dich kurz, ob gerade Anstrengung oder akute Aufregung im Spiel ist. Dann ist die Brustatmung eine sinnvolle, kurzfristige Anpassung deines Körpers und kein Fehler, den du korrigieren musst.
  3. Ruhephasen gegenchecken: Kritischer wird es, wenn du auch entspannt am Schreibtisch, auf dem Sofa oder beim Warten kaum in den Bauch atmest. Der Selbsttest weiter unten hilft dir, das für dich einzuschätzen.
  4. Bewusst gegensteuern: Leg dir mehrmals am Tag für ein paar Minuten eine Hand auf den Bauch und atme bewusst tiefer, am einfachsten mit der eigenen Anleitung zur Bauchatmung weiter unten im Artikel.

So fühlst du selbst den Unterschied zwischen Brust- und Bauchatmung

Am einfachsten erkennst du den Unterschied nicht am Nachdenken, sondern am eigenen Atemzug. Probier die beiden Bewegungen bewusst einmal nacheinander aus und achte darauf, was sich bei dir jeweils zuerst bewegt.

Vergleichsübung: Brust- oder Bauchatmung fühlen

Die vollständige Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Hand-Test und Atem-Animation für die Bauchatmung ist weiter unten verlinkt. Vorher lohnt sich aber der Blick darauf, wann Brustatmung gar kein Thema ist, mit dem du dich beschäftigen musst.


Wann Brustatmung völlig normal ist

Sobald du dich körperlich anstrengst, joggst, Treppen steigst oder ein schweres Paket trägst, braucht dein Körper schnell mehr Sauerstoff. Die Brustatmung kann in kurzer Zeit mehr Luftvolumen bewegen als die langsamere Bauchatmung, dein Sympathikus, der aktivierende Teil deines Nervensystems, schaltet dafür automatisch einen Gang hoch. Wie diese beiden Gegenspieler deines Nervensystems dabei genau zusammenspielen, erklärt der Artikel Sympathikus und Parasympathikus im Detail.

Dasselbe passiert bei akutem Stress oder einem Schreck, kurz bevor eine Prüfung beginnt, während eines hitzigen Streits oder wenn ein Auto knapp vor dir bremst. Dein Körper bereitet sich in Sekundenbruchteilen auf Kampf oder Flucht vor, dafür braucht er schnelle, flache Atemzüge, keine tiefe, langsame Bauchatmung. Ein sehr altes, sinnvolles Notfallprogramm, keine Fehlfunktion.


Wann Brustatmung zum Problem wird

Problematisch wird die Brustatmung erst, wenn sie sich nicht mehr abschaltet, wenn du sie also auch dann noch beibehältst, wenn die Anstrengung oder der akute Stress längst vorbei sind. Am Schreibtisch, auf dem Sofa oder im Bett bräuchte dein Körper eigentlich die langsamere, tiefere Bauchatmung, um wirklich herunterzufahren.

Stress selbst ist dabei meiner Erfahrung nach selten das eigentliche Problem, die fehlende Erholung danach ist es. Genau das zeigt sich oft zuerst an der Atmung, sie bleibt oben in der Brust hängen, obwohl längst wieder Ruhe angesagt wäre. Ich merke das bei mir selbst am ehesten an Tagen mit vielen Terminen hintereinander: Ohne bewusste Pause dazwischen atme ich abends oft immer noch fast nur oben in der Brust, obwohl nichts mehr ansteht, das mich wirklich fordert.

Bei chronisch dominanter Brustatmung bleibt außerdem die Atemhilfsmuskulatur an Hals, Nacken und Schultern dauerhaft aktiver, als sie müsste. Eine Untersuchung bei sportlich aktiven Erwachsenen fand, dass ein deutlich brustdominantes Atemmuster mit einer erhöhten Anspannung dieser Muskeln und einer schlechteren Bewegungsqualität in Zusammenhang stand (Bradley & Esformes, 2014). Das erklärt, warum Menschen mit dauerhaft flacher Brustatmung häufiger von Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich berichten, ein Beweis für einen direkten Kausalzusammenhang ist eine einzelne Untersuchung damit aber nicht.


Selbsttest: Bist du ein Dauer-Brustatmer?

Ein einzelnes Anzeichen bedeutet noch nichts, praktisch jeder atmet ab und zu flach. Erst wenn sich mehrere Punkte häufen, lohnt sich ein bewussterer Blick auf deine Atmung in Ruhephasen. Der folgende Selbsttest ist kein medizinischer Test und keine Diagnose, sondern eine unverbindliche Einschätzung.

Dauer-Brustatmer-Selbstcheck (unverbindlich)

Der Weg zurück zur Bauchatmung

Die Bauchatmung ist der direkte Gegenpol zur dauerhaften Brustatmung, dabei hebt und senkt sich vor allem dein Bauch statt Brustkorb und Schultern, angetrieben vom Zwerchfell. Eine Studie von Ma und Kollegen aus dem Jahr 2017 ließ Erwachsene acht Wochen lang täglich Zwerchfellatmung üben, danach zeigte die Gruppe weniger negative Stimmung und niedrigere Cortisolwerte im Vergleich zur Kontrollgruppe (Ma et al., 2017).

Die komplette Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Hand-Test und einer animierten Atem-Übung zum Mitmachen findest du in Bauchatmung lernen, dafür brauchst du keine Vorerfahrung und nur ein paar Minuten am Tag. Für den akuten Moment zwischendurch, etwa mitten am Schreibtisch, reicht oft schon eine bewusste Hand auf dem Bauch und ein paar Atemzüge, in denen du die Ausatmung bewusst etwas länger machst als die Einatmung.

In der App 8Breath kannst du dir das Tempo dafür mit Ton und Timer vorgeben lassen, falls dir das beim Üben hilft.


Wann du das ärztlich abklären solltest

Die Brustatmung, um die es hier in erster Linie geht, ist in aller Regel harmlos, eine Gewohnheit, keine Erkrankung. Anders sieht es aus bei plötzlicher, starker oder sich schnell verschlechternder Atemnot, bläulichen Lippen, Schmerzen im Brustkorb oder Schwindel bis zur Ohnmacht, das gehört immer unter den Notruf 112, unabhängig davon, wie du gerade atmest. Bei Asthma, COPD oder einer frisch diagnostizierten Lungenerkrankung lernst du eine geeignete Atemtechnik am besten einmal angeleitet, zum Beispiel im Lungensport, ausführliche Hinweise dazu findest du im Artikel zur Lippenbremse. Wenn dich vor allem eine plötzliche Enge in der Brust bei Angst oder einer beginnenden Panikattacke beschäftigt, helfen dir die gezielteren Techniken im Artikel zu Atemübungen gegen Angst schneller weiter.

Der nächste Moment, in dem du merkst, dass dein Atem wieder nur oben in der Brust hängt, obwohl gerade nichts Dringendes ansteht, ist ein guter Anlass zum Ausprobieren: Leg kurz eine Hand auf den Bauch, atme bewusst dorthin, und beobachte, wie sich dein restlicher Tag dadurch verändert.

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Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Brustatmung und Bauchatmung?

Bei der Brustatmung heben sich vor allem Brustkorb und Schultern, angetrieben von der Zwischenrippenmuskulatur zwischen deinen Rippen. Bei der Bauchatmung übernimmt stattdessen das Zwerchfell die Arbeit, der Muskel unterhalb deiner Lunge, dein Bauch wölbt sich dabei sichtbar nach außen. Beide Bewegungsformen gehören zur normalen Atmung, meist mischen sie sich sogar, nur das Verhältnis zwischen beiden verschiebt sich je nach Situation.

Ist Brustatmung grundsätzlich ungesund oder etwas, das ich abstellen muss?

Nein, Brustatmung ist ein normaler Teil deiner Atmung und bei Anstrengung oder akutem Stress sogar sinnvoll, dein Körper braucht dann schnell mehr Sauerstoff. Ungünstig wird sie erst, wenn sie zu deinem Standardzustand auch in Ruhephasen wird, etwa entspannt am Schreibtisch oder abends auf dem Sofa. Genau für diese Momente lohnt sich die bewusste Bauchatmung, nicht als Ersatz für die Brustatmung insgesamt.

Wie merke ich überhaupt, dass ich chronisch in die Brust atme?

Am zuverlässigsten mit etwas Beobachtung über ein paar Tage: Leg eine Hand auf den Bauch und eine auf die Brust und achte in ruhigen Momenten darauf, welche Hand sich mehr bewegt. Bewegt sich fast nur die obere Hand, auch wenn gerade nichts Anstrengendes passiert, spricht das für eine dauerhafte Brustatmung. Den ausführlichen Selbsttest mit mehreren typischen Anzeichen findest du weiter oben im Artikel.

Warum atmet mein Körper bei Stress automatisch in die Brust?

Das ist ein sehr altes Notfallprogramm deines Nervensystems. Sobald dein Sympathikus, der aktivierende Teil deines Nervensystems, eine Bedrohung oder Anstrengung erkennt, bereitet er deinen Körper in Sekundenbruchteilen auf Kampf oder Flucht vor, dafür braucht er schnelle, flache Atemzüge statt tiefer, langsamer Bauchatmung. Das Muster ist praktisch, solange es sich danach auch wieder von selbst löst.

Kann dauerhafte Brustatmung Verspannungen im Nacken und in den Schultern verursachen?

Ein Zusammenhang ist plausibel und wurde in einer Untersuchung bei sportlich aktiven Erwachsenen auch beobachtet: Ein deutlich brustdominantes Atemmuster ging dort mit einer erhöhten Anspannung der Atemhilfsmuskulatur und einer schlechteren Bewegungsqualität einher (Bradley & Esformes, 2014). Ein Beweis, dass die Brustatmung allein deine Verspannungen verursacht, ist das nicht, dafür spielen Haltung, Bewegungsmangel und Stress insgesamt mit hinein, ein Versuch mit bewusster Bauchatmung schadet aber in aller Regel nicht.

Wie lange dauert es, bis sich meine Atmung wieder mehr in den Bauch verlagert?

Das ist individuell verschieden, viele merken nach zwei bis vier Wochen regelmäßigem Üben, dass sich ihre Atmung in Ruhephasen von selbst vertieft. Am meisten hilft es, die Übung an eine feste Situation im Tag zu koppeln, etwa direkt nach dem Aufwachen oder vor dem Einschlafen, statt auf einen zufälligen ruhigen Moment zu hoffen.

Ist Brustatmung bei Sport oder beim Singen anders zu bewerten?

Beim Sport ist sie schlicht notwendig, dein Körper braucht in kurzer Zeit viel Sauerstoff, dafür ist die Brustatmung effizienter als die langsamere Bauchatmung. Beim Singen oder an Blasinstrumenten trainieren viele dagegen gezielt die Bauchatmung, weil sie damit die Ausatmung länger und kontrollierter steuern können als bei flacher Brustatmung. Beide Fälle haben nichts mit der problematischen Dauer-Brustatmung in Ruhephasen zu tun, um die es hier in erster Linie geht.

Kann Brustatmung ein Zeichen für Angst oder eine beginnende Panikattacke sein?

Ja, eine plötzlich einsetzende, schnelle Brustatmung gehört zu den typischen Körperreaktionen bei Angst und kann eine beginnende Panikattacke begleiten oder sogar verstärken. Für den akuten Moment helfen dir gezieltere Techniken wie die Box-Atmung oder der physiologische Seufzer meist schneller als die allgemeine Umstellung auf Bauchatmung, mehr dazu im Artikel über Atemübungen gegen Angst.

Wann sollte ich meine Atmung ärztlich abklären lassen, statt es selbst zu versuchen?

Bei plötzlicher, starker oder sich schnell verschlechternder Atemnot, bläulichen Lippen, Schmerzen im Brustkorb oder Schwindel bis zur Ohnmacht gehört das immer unter den Notruf 112, unabhängig von deinem Atemmuster. Auch bei neu aufgetretener, dauerhafter Kurzatmigkeit ohne erkennbaren Auslöser oder bei bekanntem Asthma, COPD oder einer Herzerkrankung sprich Veränderungen deiner Atmung grundsätzlich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab, bevor du selbst an der Technik herumprobierst.

Ist Brustatmung dasselbe wie Überatmung oder Hyperventilation?

Nein, das sind zwei unterschiedliche Dinge, auch wenn sie oft zusammen auftreten. Brustatmung beschreibt, wohin dein Atem fließt, in den Brustkorb statt in den Bauch. Überatmung oder Hyperventilation beschreibt dagegen, wie viel Luft du insgesamt bewegst, nämlich mehr, als dein Körper gerade braucht, oft schnell und hörbar. Wer chronisch flach in die Brust atmet, überatmet nicht automatisch, mehr zur Abgrenzung und einem Selbsttest dafür findest du im Artikel zur Buteyko-Atmung.

Wie atmet man bei Bronchitis?

Bei einer akuten Bronchitis gehört die Behandlung in ärztliche Hände, Atemtechnik ist hier nur eine Begleitung. Weil Husten weh tut, atmen viele in dieser Zeit besonders flach und brustbetont, was die Atemwege eher schlechter belüftet. Hilfreich sind eine aufrechte Sitzhaltung, ruhige Nasenatmung und die Lippenbremse, bei der du gegen locker geschlossene Lippen ausatmest, weil sie die Atemwege beim Ausatmen offen hält. Bei Atemnot, Fieber über mehrere Tage oder blutigem Auswurf ist ärztliche Abklärung dran, nicht die nächste Übung.

Andreas Jansen, Gründer von 8Breath
Über den AutorAndreas Jansen · Gründer von 8Breath

Hey, ich bin Andreas, Gründer von 8Breath. Ich schreibe auf diesem Blog Artikel über die richtige Atmung, unser Nervensystem und meine Erfahrungen mit Meditation und Stressabbau. Ich teile dabei Dinge, die mir selbst weitergeholfen haben, und hoffe, dass es dir auch weiterhilft. Mehr über mich erfährst du auf meiner persönlichen Webseite.

Wissenschaftliche Quellen

Bradley, H. & Esformes, J. (2014): Breathing Pattern Disorders and Functional Movement. International Journal of Sports Physical Therapy, 9(1), 28-39. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3924606
Ma, X. et al. (2017): The Effect of Diaphragmatic Breathing on Attention, Negative Affect and Stress in Healthy Adults. Frontiers in Psychology, 8:874. doi.org/10.3389/fpsyg.2017.00874
Zaccaro, A. et al. (2018): How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12:353. doi.org/10.3389/fnhum.2018.00353