Peripheres Nervensystem: Der Dachbegriff erklärt
Kurz gesagt: Das periphere Nervensystem (PNS) umfasst alle Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark, also die 12 Hirnnervenpaare und 31 Spinalnervenpaare, die deinen ganzen Körper bis in die Finger- und Zehenspitzen erreichen. Es gliedert sich in zwei große Bereiche: das somatische Nervensystem, das deine Skelettmuskulatur bewusst steuert, und das vegetative, auch autonome Nervensystem, das Organe wie Herz, Lunge und Verdauung unwillkürlich regelt. Deine Atmung ist dabei die einzige Körperfunktion, die zu beiden Teilen gleichzeitig gehört.
Du trittst nachts barfuß auf einen herumliegenden Legostein, und dein Fuß zuckt zurück, noch bevor der Schmerz überhaupt bei dir ankommt.
Genau diese Blitzreaktion zeigt dir, wo dein peripheres Nervensystem anfängt und endet, und warum es sich in zwei ziemlich unterschiedliche Teile aufteilt.
Tipp bei jeder Körperfunktion, zu welchem Ast des peripheren Nervensystems sie gehört. Die letzte Frage hat einen Sonderfall.
3 Schritte, um die Landkarte des peripheren Nervensystems zu verstehen
- Abgrenzen: "Zentral" bedeutet nur Gehirn und Rückenmark, geschützt durch Schädel und Wirbelsäule. Sobald ein Nerv diesen geschützten Kern verlässt, egal ob als einer der 12 Hirnnerven oder einer der 31 Spinalnerven, zählt er zum peripheren Nervensystem.
- Unterteilen: Innerhalb des peripheren Nervensystems gibt es zwei große Äste, den somatischen, den du bewusst steuerst, und den vegetativen, auch autonomen genannt, der automatisch im Hintergrund läuft. Der häufigste Fehler ist, beide für dasselbe zu halten, dabei ist der vegetative Teil nur die Hälfte des Ganzen.
- Nutzen: Deine Atmung sitzt genau zwischen beiden Ästen und ist dein direktester Zugang zum sonst unwillkürlichen Teil. Weiter unten zeigt dir eine kurze Übung, wie sich das in der Praxis anfühlt.
Wo genau verläuft die Grenze zwischen zentralem und peripherem Nervensystem?
Dein gesamtes Nervensystem lässt sich in zwei große Bereiche teilen. Das zentrale Nervensystem, kurz ZNS, besteht ausschließlich aus deinem Gehirn und deinem Rückenmark, beide dick gepolstert und von Knochen umschlossen: das Gehirn vom Schädel, das Rückenmark von der Wirbelsäule. Das periphere Nervensystem ist alles, was danach kommt, jeder Nerv, der diesen geschützten Kern verlässt.
Strukturell besteht es aus zwei Nervengruppen. Zum einen die 12 Hirnnervenpaare, die direkt aus deinem Gehirn austreten, zum Beispiel der Sehnerv oder der Vagusnerv als zehnter von ihnen, mehr dazu im Artikel Vagusnerv. Zum anderen die 31 Spinalnervenpaare, die paarweise zwischen den einzelnen Wirbeln aus deinem Rückenmark austreten und von dort aus in Arme, Beine, Rumpf und Organe weiterziehen. Zusammen bilden diese beiden Gruppen ein Netz, das buchstäblich jeden Winkel deines Körpers erreicht.
Der Reflex von oben zeigt die Grenze fast wie im Lehrbuch: Der Fußnerv, der den Druck meldet, und der Nerv, der die Beinmuskulatur zum Zurückzucken bringt, gehören beide zum peripheren Nervensystem. Die eigentliche Entscheidung "Fuß weg" fällt aber im Rückenmark, also bereits im zentralen Teil, ganz ohne dass dein Gehirn vorher gefragt wird. Das erklärt, warum du manchmal reagierst, bevor du überhaupt merkst, dass etwas passiert ist.
Somatisches und vegetatives Nervensystem: die zwei Äste des PNS
Innerhalb des peripheren Nervensystems gibt es eine zweite, genauso wichtige Grenze, diesmal eine funktionale statt einer anatomischen: die zwischen dem, was du bewusst steuerst, und dem, was einfach von allein läuft.
| Merkmal | Somatisches Nervensystem | Vegetatives (autonomes) Nervensystem |
|---|---|---|
| Steuerung | Willkürlich, du entscheidest bewusst | Unwillkürlich, läuft automatisch |
| Zielgewebe | Skelettmuskulatur | Herzmuskel, glatte Muskulatur, Drüsen, Organe |
| Beispiele | Arm heben, sprechen, gehen, schreiben | Herzschlag, Verdauung, Schwitzen, Pupillenweite |
| Wahrnehmung | Du spürst und steuerst direkt | Läuft meist unbemerkt im Hintergrund |
| Feinere Unterteilung | Keine, wirkt direkt | Sympathikus, Parasympathikus, enterisches Nervensystem |
Der vegetative Ast trägt in Lehrbüchern auch den Namen autonomes Nervensystem, beide Wörter meinen dasselbe, vegetativ ist im Deutschen einfach geläufiger. Diesen Teil unterteilt man noch einmal feiner in Sympathikus und Parasympathikus, die beiden Gegenspieler, sowie das enterische Nervensystem in deinem Bauch. Die ganze Tiefe dazu, inklusive einer eigenen Vergleichstabelle, steht im Artikel Vegetatives Nervensystem, die beiden Gegenspieler im Detail im Artikel Sympathikus und Parasympathikus.
Warum deine Atmung zwischen beiden Ästen steht
Die Muskeln, die dich atmen lassen, allen voran das Zwerchfell, sind ganz normale Skelettmuskulatur, genau wie dein Bizeps. Angesteuert werden sie über den Nervus phrenicus, einen somatischen, also peripheren Nerv wie jeder andere auch, der aus deinem Rückenmark im Halsbereich entspringt. Rein strukturell gehört deine Atemmuskulatur damit zum somatischen, willkürlichen Ast.
Der Takt dafür läuft aber automatisch, über einen Schrittmacher im Hirnstamm, der sogenannten Atem-Zentrale, unabhängig von deinem bewussten Willen (Del Negro et al., 2018). Sie lässt dich auch im Tiefschlaf zuverlässig weiteratmen, ganz ohne dass du je darüber nachdenkst, fast so, als wäre Atmung eine vegetative Funktion. Du kannst diesen Automatismus aber jederzeit übersteuern, tief einatmen, die Luft kurz anhalten, langsam wieder ausatmen. Genau diese doppelte Verdrahtung, somatischer Nerv mit vegetativem Takt, macht deine Atmung zu deinem direktesten Zugriff auf ein System, das sich sonst komplett deiner bewussten Kontrolle entzieht.
Am besten belegt ist der Effekt über eine bewusst verlängerte Ausatmung. Sie aktiviert über den Vagusnerv den Parasympathikus mit und kann Puls und Anspannung schon nach wenigen Runden spürbar senken (Zaccaro et al., 2018). Probier es direkt hier aus.
4 Sekunden ein, 4 Sekunden halten, 6 Sekunden aus, ganz ohne Druck. Wiederhol das für 5 bis 8 Runden. Mehr Übungen mit demselben Prinzip, unterschiedlichen Rhythmen und Sicherheitshinweisen findest du in Sympathikus und Parasympathikus und in Vegetatives Nervensystem.
Funktionsweise des bewussten Atmens
- Rhythmus: 4 Sek. einatmen, 4 Sek. halten, 6 Sek. ausatmen
- Wirkung: Übersteuert den automatischen Atemtakt, aktiviert dabei den Parasympathikus mit
- Dauer: 5 bis 8 Runden, etwa 1 bis 2 Minuten
- Am besten: Als kurze bewusste Pause zwischendurch, nicht nur bei akuter Anspannung
Wann ein taubes Gefühl mehr ist als eine eingeschlafene Hand
Weil das periphere Nervensystem so weit verzweigt ist, bekommst du Störungen darin oft zuerst an den Stellen zu spüren, die am weitesten von Gehirn und Rückenmark entfernt liegen, also an Händen und Füßen. Ein kurz eingeschlafener Fuß nach langem Sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen ist dabei meist nur eine vorübergehende Druckstelle auf einem einzelnen Nerv, das Kribbeln verschwindet nach ein paar Minuten Bewegung von selbst wieder.
Anders sieht es aus, wenn ein Taubheits- oder Kribbelgefühl über Tage oder Wochen bleibt, immer wiederkehrt oder beide Hände beziehungsweise Füße ähnlich stark betrifft, oft zusammen mit einem brennenden Schmerz oder spürbar nachlassender Kraft. Das kann auf eine periphere Neuropathie hindeuten, eine Schädigung der peripheren Nerven, häufig ausgelöst durch Diabetes, einen Vitamin-B12-Mangel, langjährigen Alkoholkonsum, bestimmte Medikamente wie manche Chemotherapien oder eine anhaltende Nervenkompression (Hanewinckel et al., 2016). Eine plötzliche, einseitige Taubheit dagegen, vor allem zusammen mit Sprach- oder Sehstörungen, gehört sofort unter den Notruf 112, das kann ein Schlaganfall sein und hat mit dem peripheren Nervensystem nichts mehr zu tun.
Eine Atemübung kann dir in einem angespannten Moment helfen, dein Nervensystem etwas herunterzufahren. Ein Kribbeln, das seit Wochen bleibt, braucht aber eine andere Antwort als eine Technik aus einem Artikel wie diesem, nämlich eine echte neurologische Untersuchung, keine weitere Atemübung.
Am einfachsten merkst du dir die ganze Landkarte über die eine Ausnahme: Atme jetzt, direkt nach dem Lesen, einmal bewusst langsamer aus als sonst, und spüre, wie sich dieser winzige, willentliche Eingriff über deinen ganzen Körper ausbreitet. Genau das ist dein peripheres Nervensystem in echt, nicht nur auf dem Papier, ein Netz, das du an fast keiner anderen Stelle direkt in der Hand hältst.
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Häufige Fragen
Was genau gehört zum peripheren Nervensystem?
Alles, was aus dem geschützten Kern von Schädel und Wirbelsäule heraustritt: die 12 Hirnnervenpaare, die direkt aus deinem Gehirn austreten, etwa der Sehnerv oder der Vagusnerv, und die 31 Spinalnervenpaare, die paarweise zwischen den Wirbeln aus deinem Rückenmark austreten. Zusammen erreichen sie deinen ganzen Körper, bis in die Finger- und Zehenspitzen.
Was ist der Unterschied zwischen zentralem und peripherem Nervensystem?
Das zentrale Nervensystem, kurz ZNS, besteht nur aus Gehirn und Rückenmark, beide gut geschützt durch Schädel und Wirbelsäule. Das periphere Nervensystem ist alles andere: jeder Nerv, der aus diesem geschützten Kern heraustritt und Signale zu Muskeln, Haut und Organen bringt oder von dort zurück ans Gehirn meldet.
Ist das periphere Nervensystem dasselbe wie das vegetative Nervensystem?
Nein, das ist ein häufiges Missverständnis, dem ich auch selbst erst begegnen musste, als ich mich in das Thema eingelesen habe. Das periphere Nervensystem ist der größere Dachbegriff, alle Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark. Das vegetative Nervensystem, auch autonomes Nervensystem genannt, ist nur eine der beiden großen Unterteilungen darin, zuständig für die unwillkürlichen Funktionen. Die Details dazu, inklusive Sympathikus und Parasympathikus, stehen im Artikel Vegetatives Nervensystem.
Was unterscheidet das somatische vom vegetativen Nervensystem?
Das somatische Nervensystem steuert deine Skelettmuskulatur, alles, was du bewusst bewegst: Arme, Beine, dein Gesicht. Das vegetative Nervensystem steuert deine inneren Organe, Drüsen und glatte Muskulatur, Dinge, über die du normalerweise nicht nachdenkst. Wenn du deinen Arm hebst, ist das somatisch, dass dein Herz dabei weiterschlägt, ist vegetativ.
Wie viele Nerven hat das periphere Nervensystem insgesamt?
Genau beziffern lässt sich das kaum, weil sich Nerven im Körper immer weiter verzweigen, aber strukturell zählt man 12 Hirnnervenpaare und 31 Spinalnervenpaare als Hauptstämme. Von dort aus verästeln sie sich in unzählige kleinere Nervenfasern, die praktisch jeden Winkel deines Körpers erreichen, bis in die kleinste Fingerkuppe.
Warum ist ausgerechnet die Atmung eine Ausnahme im peripheren Nervensystem?
Die Muskeln, die dich atmen lassen, allen voran das Zwerchfell, gehören technisch zur Skelettmuskulatur und werden über einen somatischen Nerv gesteuert, den Nervus phrenicus. Der Grundtakt dafür kommt aber automatisch aus einem Schrittmacher in deinem Hirnstamm, fast wie bei einer vegetativen Funktion. Du kannst diesen Automatismus jederzeit bewusst übersteuern, tief einatmen, die Luft anhalten, langsam ausatmen, das kann sonst keine andere überlebenswichtige Körperfunktion.
Kann ich mein peripheres Nervensystem trainieren oder stärken?
Den somatischen Teil trainierst du im Grunde ständig, jede bewusste Bewegung ist ein Signal über periphere Nerven an deine Muskeln. Den vegetativen Teil kannst du nicht direkt trainieren, aber indirekt beeinflussen, vor allem über deine Atmung, etwa mit einer bewusst verlängerten Ausatmung, die den Parasympathikus mit aktiviert.
Was bedeutet es, wenn meine Hand oder mein Fuß häufig taub oder kribbelig wird?
Kurzfristig, etwa nach längerem Sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen, ist ein eingeschlafener Fuß meist nur eine vorübergehende Druckstelle auf einem Nerv und harmlos, das Gefühl kommt nach ein paar Minuten Bewegung zurück. Hält ein Taubheits- oder Kribbelgefühl dagegen über Tage oder Wochen an, wiederholt sich häufig oder betrifft beide Hände oder Füße ähnlich stark, würde ich das ärztlich abklären lassen, statt es einfach abzuwarten.
Was ist eine periphere Neuropathie, und wodurch entsteht sie?
Eine periphere Neuropathie ist eine Schädigung der peripheren Nerven, meist zuerst an den vom Rückenmark am weitesten entfernten Stellen spürbar, also an Füßen und Händen. Häufige Auslöser sind Diabetes, ein Vitamin-B12-Mangel, langjähriger Alkoholkonsum, bestimmte Medikamente wie manche Chemotherapien oder eine anhaltende Nervenkompression (Hanewinckel et al., 2016). Eine echte Diagnose kann nur eine Ärztin oder ein Arzt stellen, meist über eine neurologische Untersuchung.
Gehört das enterische Nervensystem im Bauch auch zum peripheren Nervensystem?
Ja. Das enterische Nervensystem, oft Bauchhirn genannt, sitzt direkt in der Wand deines Magen-Darm-Trakts und gehört als Teil des vegetativen Nervensystems ebenfalls zum peripheren Nervensystem. Es kann Verdauungsbewegungen erstaunlich eigenständig steuern, auch ohne Signale aus dem Gehirn. Mehr dazu, auch warum sich Nervosität so oft im Bauch bemerkbar macht, steht im Artikel Vegetatives Nervensystem.
Was sind Erkrankungen des peripheren Nervensystems?
Dazu zählen alle Erkrankungen, die Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark betreffen. Häufige Beispiele sind die Polyneuropathie, bei der viele kleine Nerven gleichzeitig geschädigt sind, Engpass-Syndrome wie das Karpaltunnelsyndrom, Reizungen einer Nervenwurzel wie beim Ischias, einseitige Gesichtslähmungen und Nervenentzündungen nach einer Gürtelrose. Welche davon vorliegt, lässt sich am Symptom allein nicht ablesen, das klärt eine neurologische Untersuchung.
Was passiert, wenn das periphere Nervensystem geschädigt ist?
Dann kommen Signale verzögert, abgeschwächt oder verfälscht an, je nachdem welche Fasern betroffen sind. Bei den Gefühlsfasern zeigt sich das als Kribbeln, Taubheit, Brennen oder Schmerz ohne erkennbaren Auslöser, bei den Bewegungsfasern als Schwäche in Hand oder Fuß, bei den vegetativen Fasern zum Beispiel als verändertes Schwitzen. Periphere Nerven können sich erholen, das geht aber langsam, und je früher die Ursache gefunden wird, desto besser sind die Aussichten. Neue oder zunehmende Ausfälle gehören deshalb zeitnah ärztlich abgeklärt.